Jeden Abend, auf dem Weg zu meinem Arbeitsplatz in „Hollys Coffee“, auf der Sukhumvit-Road, muss ich an einer endlos scheinenden Schlange von Frauen in kurzen Röcken, Masseurinnen und/oder Ladyboys, sehr attraktiven Transvestiten, vorbeiflanieren, die hier im Banken- und Hotelbezirk mit den gigantischen Shopping-Malls zum Stadtbild gehörten. Das eigentliche Geschäft der Bänker brummt hier nachts. Die Soi 11, also die 11. Nebenstraße der großen, vom Skytrain überwölbten Hauptstraße in Sukhumvit, liegt zwischen zwei der bekanntesten Zentren für käuflichen Sex: Dem Nana-Center und der Soi Cowboy. Und auch dazwischen scheint sich neben Früchten, Socken, Viagra der eigene Körper am besten verkaufen zu lassen. „Massage, massage“, strahlt mich eine Gruppe am Boden speisender Masseurinnen an. Die pink lackierten Fingernägel einer dunkelhäutigen Minirockträgerin kratzen über meinen Unterarm, als sie mich festzuhalten versuchen: „Hey Darling, where you go?“ Ich bin fasziniert und überfordert zugleich, fahre meine Scheuklappen automatisch aus, um voranzukommen:
Vorbei am allgegenwärtigen Supermarkt SevenEleven, dem indischen Schneider, dem Money Exchange, dem nächsten Schneider, dem Bettler, der sich auf dem Boden räkelt, dem mobilen Fruchtstand, der gestern vor der Polizei flüchten musste, dem Massagesalon mit dem riesigen Akupunkturfuß, dem Frisör, in dem (folgt man den ausgestellten Fotos kahler Köpfe) offenbar Wundermittel gegen Haarausfall verkauft werden, vorbei auch an dem Massagesalon mit der kleinen Katze, einem Angestellten im Anzug, der auf dem Handy tippt und raucht, dann durch einen dunklen Abschnitt, wo gestern Nacht alles voller Taxis und TukTuks stand und sich morgens eine Schlange Büroangestellter für die Motorrad-Taxis bildet – dazwischen am Boden auf einer Decke eine ganz schmale, dunkelhäutige Frau mit einem kleinen Mädchen im Schoß, welche bei jeder Spende die Arme ausstreckt, als erwarte es ein Spielzeug – vorbei an einem schlafenden Wachmann, schwarz vermummt (wegen der Abgase?), dann kommen die kleinen Shops und die mobilen Stände davor: Sonnenbrillen, Survival-Taschenmesser, Viagra, Socken – alles blinkt. Nachts füllen sich die Straßen mit den Frauen, die in voller Glitzer-Abendgarderobe, stark geschminkt, die (gefälschten?) Handtasche präsentierend auf ihre Freunde oder Kunden warten, dazwischen Schwarzafrikaner, die mich – genauso wie im Görlitzer Park in Berlin, dem ich ja eigentlich entkommen wollte – mit „Hey Bro‘, whats up?“ ansprechen und vielleicht als Zuhälter fungieren oder anderes verkaufen? Valium wurde mir schon angeboten.
Ich muss an Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ denken, in welchem die Hauptfigur Franz aus dem Gefängnis entlassen wird und in der neuen Zeit, der Beschleunigung und Fragmentierung Berlins der 20er Jahre, orientierungslos herumirrt und erstmal nur aufsaugt, aber noch nicht ordnen kann. (*)
Was mache ich hier, was suche ich? Doch zuerst: Wo bin ich eigentlich, und in welcher Zeit (aus der ich ja herausgefallen bin)? Ich will mich nicht beklagen: Ich habe mich freiwillig herausfallen lassen – ein kleiner Schubs meiner Freundin, die mir das Flugticket geschenkt hat – und plötzlich war ich in Bangkok. Aus Sukhumvit will ich schon wieder weg und bin doch noch nicht fertig mit diesem Teil der Stadt, die sich noch völlig mysteriös in der Dunkelheit vor mir ausbreitet und verliert. Ich bin gespannt, wie sich das alles noch ordnen und sortieren wird.
(*) Aus Wikipedia: „Döblin erzählt die Geschichte des Lohnarbeiters Franz Biberkopf, der nach seiner Haftentlassung eine neue Existenz aufbauen möchte. Im stilisierten Kampf gegen die Metropole Berlin droht der unbelehrbare Biberkopf unterzugehen. Nach seinem Scheitern, ein geregeltes Leben zu führen, schließt er sich der Bande um Reinhold an. Ein Anschlag im Fluchtauto lässt ihn verkrüppelt zurück, doch er schließt sich erneut der Bande an und beginnt eine Beziehung zur Prostituierten Mieze. Ihre Ermordung durch Reinhold fügt ihm den entscheidenden Schlag zu. Er gerät unter Tatverdacht, wird verhaftet und gelangt schließlich als Patient in eine Irrenanstalt. Dort wird er vom Tod geläutert und erkennt seine eigenen Verfehlungen an. Nach der Entlassung beginnt Franz ein neues Leben als Hilfsportier.“